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Der Geschmack von Kleeblättern

Ich steige aus dem Zug und kann atmen. Das ist zumindest der erste Gedanke, den ich habe, aber eigentlich schmeckt die Luft nach kaltem Kaffee, nach Bahnhof, nach Schlaf in den Augen und Regen. Zerknülle das Ticket, das ich für die Hinfahrt gekauft habe. Ein Rückfahrtticket gibt’s nicht. Nicht mal das Geld dafür. Wozu auch.

Zwanzig Stunden im Zug, im Schiff, ich klopfe die Reisemüdigkeit aus meinen Klamotten, schultere den Rucksack und gehe aus dem Bahnhofsgebäude.

Denke, das ist also Dublin Connolly.

Ich taste in der Jackentasche nach der Metflasche. Gut, sie ist noch da. Der Inhalt ist noch da. Nichts kann schief gehen.

Und dabei ist schon alles schief gegangen.

Ursprünglich waren da zwei Menschen und nicht nur einer. Ein großer und ein kleiner Mensch, mit nichts im Portemonnaie und einem Traum im Kopf.

„Lass uns durchbrennen“, hat er gesagt. „Einfach abhauen und den ganzen Mist hier vergessen. Irland. Irland ist das grüne Paradies!“

Und ich hab genickt, ich, der kleine Mensch.

„Alles klar!“

Dieses blöde „alles klar“, was ich mir von dir abgeguckt hatte.

Wir sind nie nach Irland gefahren. Das war dein Problem, weißt du? Dass du nie etwas zu ende gebracht hast.

Na ja, schließlich hast du es ja doch zu ende gebracht. Nur nicht mit mir, sondern mit einer Walther P99. Wo du die herhattest, frag ich mich auch bis heute.

Du hattest die Gelegenheit, sie alle zu erschießen. Deine Mutter, deinen Stiefvater, dein halbes Büro, so, wie du immer davon geträumt hast und dann hast du doch nur auf dich gezielt. Schöne Schweinerei das Ganze.

Ich stecke mir eine Kippe zwischen die Lippen, zünd sie an und zieh den Kragen hoch. Es ist kalt, es ist windig, es regnet. Das weiße Papier wird stellenweise grau. So wie alles. Grau vom ganzen Regen. Graue Straßen, graue Menschen, graues Gras. Hab ich mir irgendwie anders vorgestellt.

Schmeiß die Kippe weg und halte ein Taxi an.

„Would you take me to the graveyard?“, frage ich.

„Which graveyard?“, fragt der Fahrer belustigt unter seinem Schnurrbart.

Vermutlich sehe ich grade wirklich zum Lachen aus. Ungeduscht, ungeschminkt, Flogging Molly T-Shirt. Frage mich, ob das, was ich anhab, der typische Touristenlook in Irland ist.

„Doesn’t matter. The nearest one.“

Schließlich will ich den Inhalt der Metflasche schnell loswerden. War schon nicht ganz einfach, das Zeug über die Grenze zu schmuggeln.

Das Zeug, denke ich dumpf, hatte vor nicht allzu langer Zeit mal einen Namen.

Ich schmeiße mich auf den Rücksitz und kann es kaum fassen, dass ich wirklich hier bin. Hier, in Irland, weg von zuhause, weg von der Schule, meinen Eltern, Freunden.

Guckst du zu? Ich lebe unseren Traum.

Der Fahrer fragt, ob ich aus Deutschland komme. Schüttel den Kopf. Jetzt bloß nicht an zuhause erinnert werden.

Was ich hier mache?

„I want to visit a friend.“

Er sagt, dass er das toll fände. Freunde auf der ganzen Welt zu haben und so was. Ich denk mir meinen Teil. Asche hier, ist genauso Asche, wie in Deutschland. Nur hier heißt es ash, cinder, coom oder slag.

Der Fahrer hält an, nennt den Preis. Ich gebe ihm ein paar Münzen und springe aus dem Taxi.

Na wenigstens sieht der Friedhof aus, wie ich ihn mir vorgestellt hab. Düster, verwildert, Gräber von 1850.

Ich packe die Flasche aus und lasse dich auf den Boden rieseln.

„Na dann, ruhe in Frieden“, murmele ich leise. Der Regen wischt dich weg, du fliest über die Steinplatten.

Mehr kann ich wohl nicht für uns tun.

Ich stehe auf ohne mich umzudrehen. So, wie du das auch gemacht hast und verlasse mit nassen Füßen den Friedhof.

Auf der anderen Straßenseite ist ein Irish Pub. Ich schlendere rüber, zwei Autos hupen mich an. Und wie egal mir das ist.

Drinnen ist es warm und voll. Scheint, als hätte ganz Dublin hier Zuflucht vor dem Unwetter gesucht. Bestell einen irischen Whiskey und lecke mit der Zunge die Regentropfen von den Lippen, die seltsam salzig schmecken.

Nippe am Whiskey, der nicht nach dir schmeckt.

Schmeckt wie der Whiskey zuhause, schmeckt nicht wie das Gesöff der Götter, schmeckt nicht, wie aus dem Paradies. Alles eine Lüge, alles ein Traum, alles eine blöde Fiktion.

Wir wollten weglaufen, du bist weggelaufen, ich bin weggelaufen, wir haben’s verkackt, Junge.

Irland schmeckt nicht nach dir.

Der Misanthrop

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Seine Schritte werden leiser, je weiter er sich entfernt. Er ascht ab und mit der Asche gehen seine Gefühle. Fallen zur Erde. Dazwischen ein paar Tabakkrümel. Die Zigarette ist schlecht gestopft. Kein Blick zurück, denn es gibt keine Vergangenheit. Kein Blick vorwärts, denn es gibt keine Zukunft. Nur Menschenmonster, wie er selbst eins ist, wie er selbst nicht anders kann, als eins von ihnen zu sein, wofür er sich hasst. Wie er diese Spezies hasst, wie er die kleine Gestalt hasst, die er zurücklässt.

Die Brille auf der Nase, die Hände schiebt er in die Hosentaschen. Lässt sie dort, denn was kann er mit diesen Händen schon ausrichten? Lauscht in sich hinein, lauscht vergebens nach irgendeiner Form von Verlangen. Nicht heiß, nicht kalt, kein Hunger, kein Durst, keine Lust, keine Liebe, keine Freude, keine Trauer, nur Hass. Blanker, kühler Hass. Und wie er das alles hier satt hat.

Jeden Tag, dieselben Bäume, jeden Tag dieselben Häuser, jeden Tag dieselben Produktionsfaktoren, dieselben Kapitalisten.

Er erinnert sich nicht, an die alten Zeiten, wie sie da saßen und rauchten und gemeinsam die Menschheit verfluchten und vielleicht ein wenig tranken und sich wünschten, dass ihre Rasse von einem riesigen Feuerinferno vernichtet würde.

Sein Herz ist Asche, sein Blut Kaffee, der Kopf leer und voll zur gleichen Zeit. Leer, weil er nichts mehr sehen will, seine Augen verschließt.

Ich will einfach keinen Menschen mehr sehen, wie er eben fast genau Alexander Kaschte zitiert hat. Aber nicht einmal daran denkt er. Das ist aus, das ist vorbei, das ist Schluss.

Den Bruchteil eines Augenblicks steht sie da, wie gelähmt, dann sinkt sie auf die Knie und schließlich liegt sie flach am Boden. Kurz vor der Ohnmacht, kurz vorm Erbrechen.

Der erste Gedanke ist keiner, der Zweite ist Verzweiflung.

Sie liegt und die Leute gehen an ihr vorbei, lassen sie liegen. Keiner bleibt stehen, keiner hilft ihr hoch, keiner fragt, was los sei.

Das Feuer in ihren Augen, das grüne Feuer, erloschen, der letzte Lichtblick, der letzte Hoffnungsschimmer ist weg, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Lebwohl.

Und sie denkt an die Ironie des Ganzen, obwohl sie gleichzeitig an gar nichts denkt.

Lauscht in sich hinein, nach irgendeiner Form von Verlangen. Findet Sehnsucht, findet den Wunsch nach Liebe und heftiger als alles andere Müdigkeit. Vom Leben.

Der erste Gedanke ruft nach Selbstmord, der Zweite auch.

Langsam kommt sie auf die Beine. Wackelige, kurze Beine. Kurzer Mensch. Sowieso… Mensch.

Sie hätte sich ja ändern können – wenn ihm ihre Art nicht gepasst hätte, wenn sie irgendeinen komischen Tick gehabt hätte. Aber dass sie ein Mensch war, dagegen konnte sie nichts tun und das war der ausschlaggebende Grund, weshalb er sie nicht mehr haben wollte.

Machtlos. Hilflos. Gottlos.

Ich will einfach keinen Menschen mehr sehen.

Für die Schritte zu den Feldern braucht sie keine Kraft, denn die Klinge verspricht, es sollen die Letzten sein.

Mensch oder nicht, im Tod sind wir alle gleich.

So, ich habe es tatsächlich geschafft, mir einen eigenen Blog anzulegen, in dem ich künftig meine Gedanken, Kurzgeschichten, Gedichte und Empfehlungen posten werde um euch einen kleinen Einblick in die Welt des Wahnsinns zu geben.

Viel Spaß 😉

V.